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Emotionales Meisterkonzert mit Fazil Say

Ulrich Kernen / 16.12.2017



Foto: Staufenpress

In vier Werken vorwiegend aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts erzählte das Duo Nicolas Altstaedt (Violoncello) und Fazıl Say (Klavier) in der Göppinger Stadthalle im Rahmen der Meisterkonzerte musikalische Balladen: rückhaltlos und oft bis an die Grenzen ihrer Instrumente gehend. Da musste dann sogar der Flügel in der Pause kurz nachgestimmt werden und im wilden Spiel abgerissene Bogenhaare waren zu entfernen.

Mit rhapsodischer Wehmut begann die Sonate d-Moll von Claude Debussy. Zarte Celloklänge lagen über der unterschwelligen Glut des Klaviers. Dabei gab ihm der noch zurückhaltend agierende Pianist großen Freiraum. Verblüffend waren die zahlreichen Rollenwechsel des Cellisten: In den Pizzicato-Teilen mutierte er zum begleitenden Gitarristen, um dann wieder zu intensivem Gesang zurückzukehren.

Im zweiten Werk, „Dört Sehir“ (Vier Städte) des Pianisten Fazıl Say, erlebten die Zuhörer die Atmosphäre von vier ganz verschiedenen Orten seiner Heimat. Meist bewegten sich die Stücke im tonalen Rahmen der europäischen und orientalischen Romantik. Aus diesem eher schlichten Fundament brach dann aber ein Feuerwerk nach dem anderen los. Mit raffiniertem Bogeneinsatz verwandelte sich das Cello klanglich in eine Flöte; georgische und türkische Hochzeitstänze arteten in wilde, wuchtige Dramen aus: krass! Dieses exaltierte Spiel ließ vergessen, dass sich darunter auch ein wenig Banalität und Kitsch verbarg.

In „Ankara“ griff der Pianist dämpfend in die Saiten seines Instruments und hämmerte später wieder gnadenlos ein vielfaches Fortissimo heraus. Und mit großen Gesten schlug der Cellist seine Saiten, um Percussions-Effekte zu produzieren. Mit eingängigem, mitreißendem Swing klang diese musikalische Vier-Städte-Tour aus: rauschender Beifall der faszinierten Zuhörer.

Nach der Pause erlebte man „Pohádka“ (Märchen) von Leoš Janácek und die Sonate d-Moll von Dmitri Schostakowitsch. Und auch hier setzte das Duo sein intensives „Erzählen“ fort. In Janáceks Märchen geht es um den drohenden Tod eines Kindes. Kurze Zeit vor seiner Komposition musste der Komponist den Tod seiner beiden Kinder beklagen. Altstaedt spürte dem Schluchzen nach und man fühlte an manchen Stellen auch das Pochen eines Herzens. Etwas unkonturiert ging das Werk zu Ende. Die Sonate von Schostakowitsch begann mit einem für ihn typischen Gegensatz: brutale Ostinatofiguren neben unwirklich schönen Cantilenen: Hier klang die Zerrissenheit des Musikers durch, der zu dieser Zeit befürchten musste, von stalinistischen Kunstrichtern verfemt zu werden. Kraftvoll und schlicht zugleich setzte Altstaedt im Largo einen zu Herzen gehenden, jedoch von Resignation durchdrungenen Kontrapunkt. So war es folgerichtig, dass im Schlusssatz Ironie und Parodistisches dominierten.

Mit Präzision und kalkulierter Übertreibung setzte das Duo eine doppeldeutige Geste gegen Presseangriffe auf den Komponisten, in denen man ihm „Zügellosigkeit statt einer menschlichen Musik“ vorwarf. Fazit: Emotion pur!

Quelle: Emotionales Meisterkonzert mit Fazil Say


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