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Verschwimmende Konturen – aufleuchtende Klangwelten

Ulrich Kernen / 27.02.2017



Foto: Giacinto Carlucci

Die Stuttgarter Philharmoniker unter Muhai Tang präsentierten im Meisterkonzert in der ausverkauften Göppinger Stadthalle ein schlüssig durchdachtes Programm: Alle vier Werke stammten aus der Aufbruchszeit nach der Romantik: Saint-Saëns – Debussy – Ravel – Respighi. Den Anschluss an die Romantik stellte das Cellokonzert a-moll opus 33 von Camille Saint-Saëns her; traditionell war es aber vor der Pause platziert.

Der Solist, Daniel Müller-Schott, gilt inzwischen als einer der führenden Cellisten. Sein Cello „Ex Shapiro“ von 1727 bietet ihm vor allem im mittleren und unteren Register fabelhafte Klangfarben und erstaunliche Klangfülle. Sofort stürmte er energisch vorwärts, die Bläser folgten spontan, wurden vom Dirigenten jedoch in sichere Bahnen gelenkt.

Sehr gelassen und voller Innigkeit genoss der Cellist die lyrischen Teile des Werks. Er setzte dies fort in seiner Zugabe, einer Habanera von Ravel: Da konnte er, frei von der „Konkurrenz“ eines großen Orchesters, feinste Klangschattierungen zelebrieren.

Eine Generation danach entstand das zweite Werk des Abends: das „Prélude á l’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy, das bahnbrechend für den französischen Impressionismus war. Hier stand ausschließlich die Atmosphäre im Vordergrund, ein faszinierendes Flirren, das sich immer wieder bis zum Brausen steigert. Ausgehend von der wunderbar zarten Soloflöte fügten sich alle Solisten hervorragend in die folgenden Klangtableaus ein. Lediglich die schön geblasene Oboe konnte der Versuchung nicht widerstehen, ein „Solo“ zu präsentieren.

Im zweiten Teil folgten in historischer Reihenfolge zwei Werke, in denen man die Entwicklung des Impressionismus nachvollziehen kann. Da war zunächst die „Rapsodie espagnole“ von Maurice Ravel. In ihr erlebte man Spanisches durch die Brille eines Franzosen. (Für historisch Interessierte ist anzufügen, dass die Mutter Ravels Baskin, sein Vater ein Schweizer Uhrmacher war). Kraftvolle folkloristische Elemente wurden aufgegriffen und in sehr differenzierten atmosphärischen Wechseln neu beleuchtet und dann auch verfremdet bis zur Parodie. Das klang scheinbar leicht, denn die Orchestersolisten waren durchweg außerordentlich präsent.

Im Schlusswerk, der üppig besetzten Sinfonischen Dichtung „Pini di Roma“, von Ottorino Respighi wurden die Zuhörer musikalisch in die Aura von vier Orten Roms entführt. Zunächst zu spielenden Kindern im Park der Villa Borghese, die „ein Geschrei wie Schwalben am Abend machen“. Hier war Heiterkeit und Ausgelassenheit angesagt; Tang nahm das leider recht forsch. Eine feierliche Hymne hoben die Bläser am zweiten Ort, einer Katakombe, an: dunkle Klänge, ferne Blechbläser. Und in der Vollmondnacht schlug dann tatsächlich eine „echte“ Nachtigall – von der CD eingespielt.

Diese Grenzüberschreitung setzte sich dann im wahrsten Sinn fort, als im letzten Satz die antiken römischen Truppen hörbar über die Via Appia marschierten und das Publikum durch Blechbläsergruppen von allen Seiten im Saal eingehüllt (eingekreist?) wurde. Dieses „Bad im Orchesterklang“ war so intensiv, dass sich die Göppinger noch einen weiteren „Aufguss“ erklatschten: Wiederholung des Marsches! Das war Musik pur!!

Quelle: Verschwimmende Konturen – aufleuchtende Klangwelten


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