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Meister der beseelten Melodie

Ulrich Kernen / 20.03.2017


Till Fellner, dem Wiener Pianisten, eilt der Ruf voraus, durchdacht und wohlkalkuliert ans Werk zu gehen, auch beseelt und berührend. Dies kam auch in seinem Soloauftritt im Rahmen der Meisterkonzerte in der Göppinger Stadthalle zum Ausdruck. Zu hören waren lauter kurze bis sehr kurze, kleinteilige Werke, die vorwiegend intime Gesanglichkeit verlangten. Das ist für einen Klavierabend ungewöhnlich und enthält die Gefahr der Kurzatmigkeit.

Um es vorwegzunehmen: Fellner sucht die intimen Stellen in den Werken und bringt sie unnachahmlich zum Leuchten – das ist Genuss pur! Aber: Bis zur Hälfte des Konzerts musste man auf ein herzhaftes Forte oder gar Fortisssimo warten. Mit drei Teilen aus dem Wohltemperierten Klavier (Teil II) eröffnete er den Abend. Er brachte diese eher akademisch anmutenden Werke zum Fließen – im Mittelteil erhob sich gar frühlingshafte Munterkeit.

Sehr einfühlsam führte Till Fellner seine Zuhörer durch die vielfältigen Klangwelten der „ Six Moments musicaux“, einem der bekanntesten Werke von Franz Schubert. Vor allem im zweiten und im letzten „Moment“ schlug er mit ergreifendem Spiel das Publikum in seinen Bann: Der berührende Gesang von Einsamkeit und Todessehnsucht wurde von herzzerreißenden Aufbrüchen kontrastiert.

Im zweiten Teil des Abends wurden die Zuhörer durch eine scheinbar nebensächliche Unachtsamkeit des Pianisten irritiert: Er begann, so glaubte man zunächst, mit den „Sechs kleinen Klavierstücken“ von Arnold Schönberg. Fellner stellte diesen jedoch das sehr kurze klanglich karge „Nuages gris“ von Liszt ein für ihn untypisches Alterswerk, voran und ging nahezu übergangslos zu Schönberg über. Deshalb erwartete man später immer noch das Werk von Liszt… Die Miniaturen Schönbergs umfassen nur wenige Takte, sind aber höchst differenziert aufgebaut und sehr ausdrucksstark. Mit seinem souveränen, klaren und gelassenen Spiel machte der Künstler diese kleinen Kunstwerke lebendig.

Ein wenig schulmeisterlich erschien sein Vorschlag, die Stücke wegen ihrer Kürze gleich noch einmal zu spielen, was das Publikum mit Humor aufnahm – er tat es aber doch …

Die abschließende „Humoreske“ opus 20 von Schumann ist eine Reihe von dreizehn ineinander übergehenden Charakterstücken. Typisch für Schumann wechselten lyrische Teile mit koboldhaften Ausbrüchen, wobei Fellner mit besonderer Sorgfalt dem Zarten nachspürte: Das wundervolle Adagio erklang wie nicht von dieser Welt – ein versöhnlicher Schluss.

Quelle: Meister der beseelten Melodie


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