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Jeder Satz hat ein eigenes, stimmiges Gesicht

Ulrich Kernen / 12.01.2017



Foto: Staufenpress

Das 2009 gegründete Aris-Quartett aus Frankfurt, das in der Göppinger Stadthalle seinen Einstand gab, hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich und viele namhafte Preise abgeräumt. Worin liegt das Geheimnis ihres Spiels? Ungemein beseelter Klang, perfekt austarierte Rollen, in denen die Mittelstimmen so ernst genommen werden wie die führenden, und der Drang, die in den Werken ruhende Emotion lebendig werden zu lassen. Aus all dem resultierte an diesem Abend ein dreifacher Genuss, der seinesgleichen suchte.

In Mozarts Streichquartett d-Moll KV 421 nahmen die Künstler die Tempobezeichnungen ernst und fanden zu einer berührenden Darstellung. Da war Platz für ein luftiges Andante und bebenden Schmerz im Finalsatz.

Von György Kurtág folgte das „Officium breve in memoriam Andreae Szervánszky“ opus 28. „Jeder Ton ist es wert, gehört zu werden.“ Mit dieser Maxime des Komponisten führte Lukas Sieber in die Reihe der minimalen Sequenzen des Werkes ein. Wie mit einem Vergrößerungsglas konnte man subtilste Klangsplitter verfolgen, eine Herausforderung für die Konzentrationsfähigkeit der Zuhörer. Daneben war es schön zu erleben, wie freudig der Cellist für diese Musik warb. Besonders berührte der offene Schluss, in dem Kurtág den Verlust des Freundes nachempfand.

Beim abschließenden Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ von Schubert war bemerkenswert, wie das Quartett nicht spielte: kein wuchtiges Theaterpathos, keine betuliche Wehmut, wie man es von früheren Aufnahmen her kennt. Jeder Satz hatte ein eigenes, stimmiges Gesicht. Durch den ersten zog sich bis ins Detail die in ihm angelegte Spannung, verstärkt durch ungewohnte Klangfarben. Der berühmte Variationensatz über „Der Tod und das Mädchen“ bekam eine eigene Aussage, indem das Ensemble die Bezeichnung „con moto“ ernst nahm. Einige allzu deutlich ausgespielten Überleitungen fielen dabei kaum ins Gewicht. Die Schlusssätze gipfelten in einer rasant und vital durchgezogenen Stretta, die die Zuhörer zu spontanem „Bravo“ animierte.

Die Philosophie des Kulturkreises, neben Stars auch junge, aufstrebende Künstler nach Göppingen zu holen, war wieder aufs Schönste aufgegangen. Mit dem fetzigen Finale aus Dvoraks Amerikanischem Quartett zeigten die Vier, dass sie auch ausgelassen sein können.

Quelle: Jeder Satz hat ein eigenes, stimmiges Gesicht


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