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Daseinskampf wird lebendig

Ulrich Kernen / 19.10.2016



Foto: Staufenpress

Das Schweizer Casal-Quartett (Felix Froschhammer und Rachel Späth, Violine; Markus Fleck, Viola; Andreas Fleck, Violoncello) gastierte mit einer ganz besonderen Idee im ersten Meisterkonzert der neuen Saison in der Göppinger Stadthalle.

Das Quartett wollte Leben und Werk Franz Schuberts durch Wort und Musik erlebbar machen. Eine Zeitreise zurück in den biedermeierlichen Salon des 19. Jahrhunderts sollte es werden mit der Kombination von Originalmusik und authentischen Textquellen. Und im besten Fall sollte im Zuhörer ein eigenes Bild entstehen, frei von Klischees und trotz der Stadthallenbühne und der großen Zuschauerzahl. Das Wagnis glückte im Großen und im Kleinen, wenn auch nicht ohne Einschränkungen.

Nuancenreiche Sprechkunst

Zunächst verdankt der Abend seinen Erfolg vor allem auch der Sprecherin Katja Riemann, die mit ihrer nuancenreichen Sprechkunst den Texten auf dem Papier Leben einhauchte. Da wurden Personen lebendig, ihr Daseinskampf zwischen Freude und Leid, Not, Freundschaft und Verzweiflung: überall aufs Präziseste getroffen und auch in hoch emotionalen Texten immer dezent dargestellt. Eine wertende Färbung mancher Texte war legitim: so etwa der durch leichte Übertreibung karikierte Ton eines behördlichen Dokuments oder ein ängstlich-devoter Bittbrief an Seine Exzellenz, den Geheimrat von Goethe.

Auf einer anderen Ebene setzte das Quartett dies in den ausgewählten Musikbeispielen fort und vertiefte es. Denn Schuberts Musik ist durch und durch „Seelenmusik“.

Die Künstler spürten bei jedem Satz den Stimmungswechseln bis in kleinste Schattierungen nach. Im Quartettsatz c-Moll D 703 erlebten die Zuhörer die Brüchigkeit eines Idylls; der Kopfsatz aus dem Rosamunde-Quartett brachte Abschiedsschmerz zum Ausdruck, der mit Worten nicht zu fassen wäre.

Ganz nah an Schuberts innerer Einsamkeit war das Thema aus dem Quartett „Der Tod und das Mädchen“ und das trutzige, rastlose Scherzo, dem eine entwaffnende Innigkeit gegenübergestellt wurde. Als Klammern wurden drei Liedbearbeitungen eingebaut – das war gut gedacht, aber trotz Textverlesung fehlte halt die menschliche Singstimme – das Eigentliche. Das soll den ganz eigenen Charme dieses Konzerts aber keineswegs schmälern. Allerdings muss angedeutet werden, dass die Realisierung der Idee auch ihren Preis hatte.

Um den ganzen Lebensweg abzuschreiten, musste auch das hörbar bescheidenere Jugendwerk gestreift werden, während wichtige andere Werkbereiche außen vor bleiben mussten.

Außerdem bekam das Publikum in der Stadthalle immer nur Fragmente vorgesetzt – besonders schmerzlich nach dem atemberaubenden Variationenthema – ohne Fortsetzung! Schließlich passten nicht alle Musikbeispiele gut zu den zuvor gelesenen Texten, man suchte aber unwillkürlich nach solchen Parallelen. Dennoch: ein mutiges Konzert mit neuen Einsichten und Erlebnissen.

Quelle: Daseinskampf wird lebendig


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