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Meisterkonzert wird lange nachklingen

Zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde das Konzert des Delian-Quartetts für die gut 350 Besucher der Göppinger Meisterkonzert-Reihe.

Ulrich Kernen / 12.05.2016



Foto: Staufenpress

Die Programmzusammenstellung des Delian-Quartetts in der Besetzung Adrian Pinzaru und Andreas Moscho, Violinen, Georgy Kovalev, Viola, und Miriam Prandi, Violoncello, im Meisterkonzert des Göppinger Kulturkreises war ungewöhnlich: In der Stadthalle Göppingen waren Werke von Haydn, Schostakowitsch, Bach und Schubert zu hören.

Auch die Interpretation dieser Werke verwies auf die Philosophie des Ensembles: absolut perfektes Zusammenspiel in jeder Hinsicht, verbunden mit dem Anspruch, jedes Werk "neu" zu hören und daraus eine originelle, stimmige und die Zuhörer packende Interpretation zu entwickeln. Und um es vorwegzunehmen: Selten war ein Konzert deshalb so spannend und zugleich eindrücklich, manches wird lange nachklingen.

Ein Streichquartett von dieser exzellenten Qualität hat alles an spieltechnischem Können, was man sich wünscht: schnelles Reagieren auf die Mitspieler, große klangliche Variabilität und eine künstlerische Botschaft, die das Publikum erfassen kann. Der Primgeiger (Adrian Pinzaru) gibt die feurigen Impulse, die Seele des Quartetts sitzt jedoch am Cello (Miriam Prandi). Das erzeugt eine überaus produktive Spannung, die die beiden Mittelstimmen variabel aufgreifen.

Schon im eröffnenden Quartett h-moll opus 33/3 von Joseph Haydn stießen die Künstler im Andante bis in intimste Regionen vor, die anderen Ensembles verschlossen bleiben. Im letzten Satz brandete Leidenschaft auf, so dass auch mal die ein und andere Schärfe unvermeidlich war.

Zahlreiche "Ahs und Ohs" begleiteten die Theater-Suite von Dmitri Schostakowitsch. Das ist Musik, die einerseits den sowjetischen Machthabern gefallen und andererseits geistvoll und witzig sein sollte: ein doppelbödiges Vergnügen. Diese Parodien wirkten durch absolute Präzision und den Wechsel extremer emotionaler Zustände: im "Wiegenlied" erklang ein verhaltener, inniger Gesang wie von einem anderen Stern, im Pizzikato der spritzigen Gavotte machte sich ein gewollt robustes Bratschensolo breit.

Nach der Pause mutete das Quartett den Besuchern einen rasanten Wechsel zu: fünf Fugen aus der "Kunst der Fuge" von Bach, einem Spitzenwerk des Barock, mehr für Insider und musikalische Intellektuelle. Auch hier ging das Delian-Quartett kompromisslos zu Werke. Wer es aushielt, dass jedes Detail neu beleuchtet und die Ausdrucksmittel asketisch reduziert wurden, der wurde mit einer abgeklärten Interpretation belohnt.

Und dann ereignete sich etwas, was für ein Konzert wahrhaft einmalig ist. Die letzte Fuge, in der der Name B-A-C-H verarbeitet wird, endet bekanntlich ohne Schluss, weil der Komponist über der Arbeit gestorben ist. Kann man da Beifall klatschen? Das Quartett brach völlig unpathetisch, ja ein wenig abrupt ab. Und da setzte unversehens und übergangslos ein anderes Werk ein mit einer seelischen Eruption. Allmählich merkte mancher: Das war der erste Satz des abschließenden Quartetts Nr.4 C-Dur D 46 von Franz Schubert. Es wurde zu einer musikalischen Antwort auf Johann Sebastian Bach, dem dieser geniale Einfall sicher gefallen hätte.

Folgerichtig klatschten die ergriffenen Göppinger auch erst nach dem ersten Satz. So wird Musik zum unvergesslichen Erlebnis.

 Quelle: Meisterkonzert wird lange nachklingen


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