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Pianist von Weltformat langt einmal daneben

Ein Pianist von Weltniveau beendete die Reihe der Meisterkonzerte. Bertrand Chamayou spielte Stücke von Maurice Ravel und Franz Schubert. Doch einmal griff der Könner bei seiner Interpretation daneben.

Ulrich Kernen / 14.03.2016



Foto: Staufenpress

Respekt vor dem Göppinger Kulturkreis: Auch im letzten Meisterkonzert in der Stadthalle war wieder einmal ein Künstler von Weltformat zu Gast: der französische Pianist Bertrand Chamayou. Das Programm war zwei Komponisten gewidmet: Maurice Ravel und Franz Schubert. Die ersten drei Werke von Ravel erschienen wie Vorbereitungen auf den folgenden Höhepunkt. "Jeux d'eau" war ein pianistisches Wasserspiel; die "Pavane pour une infante défunte" bestach durch wundersame Klangwechsel und in der "Sérénade grotesque" begegneten raffinierte Rhythmen, die Elemente des Jazz enthielten.

 Bertrand Chamayou hielt sich streng an den Notentext; sein Ziel: eine konzentrierte, kompakte Interpretation. Die drei abschließenden Bilder unter dem Titel "Gaspard de la nuit" entführten dann das faszinierte Publikum in pianistische Gefilde auf Weltniveau. Nirgends hatte man den Eindruck, das sei Schwerstarbeit - Chamayou spielte sich in einen wahren "Flow" hinein. Im zweiten Bild "Le Gibet" (Der Galgen) löste ein permanent wiederholter Glockenton auf b' eine eindringliche, hypnotische Wirkung aus. "Scarbo" (Der Kobold) verlangte schließlich alles übersteigende pianistische Fertigkeiten. Der Kobold raste unstet, aggressiv, befremdlich und doch faszinierend durch das Bild, um schließlich doch mit einer federleichten, versöhnlichen Geste davonzuhuschen: ein nachhaltiges Erlebnis.

 Der zweite Teil des Meisterkonzerts war Franz Schubert gewidmet. Nach dem Höllenritt des "Gaspard" standen nun zwölf schlichte Ländler auf dem Programm: tänzerische Unterhaltungsmusik zur damaligen Zeit. Um alles Betuliche zu vermeiden, nahm Chamayou die Tänze recht flott und spürte überall überraschende Wendungen auf, die die Stücke mitunter tiefsinniger erscheinen ließen, als vom Komponisten vermutlich gedacht. Nahezu übergangslos schloss er dann eine Bearbeitung des Schubert-Liedes "Auf dem Wasser zu singen" von Franz Liszt an - auch im Dreivierteltakt.

 Das erwies sich als Fehlgriff. Denn das war beileibe keine Fortsetzung der Tänze; im Original erlebt man das sanfte, friedliche Wiegen eines Kahns. Der Tastenvirtuose Liszt hat sich allerdings nicht damit begnügt, er steuert die Fahrt immer drängender in einen Sturm hinein.

 Das war ein Hinweis auf das Schlussstück, die berühmte "Wandererfantasie", einen Prüfstein für alle Pianisten. Zum einen verblüffte das geradezu orchestrale Format der Fassung von Franz Liszt.

 Mit großem Einsatz bewältigte Bertrand Chamayou die für die Entstehungszeit unbekannten technischen Anforderungen souverän. Die eigentliche musikalische Botschaft aber verbarg sich im Adagio des Stücks, einem abgründigen, herzzerreißenden Lied, das in wundervollen Variationen vielseitig beleuchtet wurde.

 Quelle: Pianist von Weltformat langt einmal daneben


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