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Die drei Leben des Mischa Maisky

Bewegte Biographie

Ulrike Albrecht / Newsletter vom 27.10.2017

Was für ein Leben! Geboren 1948 im damals sowjetischen Riga, ist Mischa Maisky der einzige Cellist der Welt, der nicht nur beim legendären Mstislaw Rostropowitsch studiert hat, sondern auch bei Gregor Piatigorsky, der zweiten großen russischen Cello-Legende. Heute zählt Maisky selbst zu den größten lebenden Cellisten. Dazwischen lagen allerdings harte Jahre für den lettischen Musiker.

Maisky News

© Foto: Kasskara, Deutsche Grammophon

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Nachdem Mischa Maisky bereits 1966 in Russland einen dritten Preis beim Internationalen Tschaikowski-Wettbewerb gewonnen, sein Debüt bei den Leningrader Philharmonikern gegeben und in Rostropowitschs Meisterklasse zu studieren begonnen hatte, wurde er 1970 verhaftet. Maisky war Anfang 20 – und auf dem besten Weg zu einer erfolgreichen Solokarriere. Doch damit war erst einmal Schluss. Seitdem seine Schwester, eine Pianistin, nach Israel emigriert war, war auch Mischa Maiksy – als Jude in der UdSSR ohnehin misstrauisch beäugt – ins Visier der Staatsmacht geraten. Zu fassen bekam sie ihn, als Maisky seinen kaputten Sony-Kassettenrekorder ersetzen wollte, mit dem er den Unterricht bei Rostropowitsch aufnahm. Solche Geräte waren damals nur in den Devisenläden namens Berjoska zu bekommen, für die man als Sowjetbürger einen speziellen Ausweis brauchte. Auf dem Schwarzmarkt bekam Maisky einen angeboten, eine Fälschung, und als er damit im Berjoska einkaufen wollte, wurde er festgenommen und verurteilt. Vier Monate saß er zunächst in einem Moskauer Gefängnis, danach kam er für zwölf Monate in ein Arbeitslager in der Nähe der Stadt Gorki (heute Nischni Nowgorod). Dort musste er täglich fünf Tonnen Zement schaufeln für eine Papierfabrik des Parteiorgans „Prawda“. Er hatte Angst. Angst, im schwarzen Loch des Systems verloren zu gehen. Als Spielball zwischen die Fronten irgendwelcher Politiker zu geraten. Und: sich bei der Arbeit die Hände zu verletzen. Nach 18 Monaten kam er frei. Um nach seiner Entlassung dem Militärdienst zu entgehen, ließer sich von einem befreundeten Arzt für zwei Monate in eine Psychiatrie einweisen, bevor ihm 1972 die Ausreise genehmigt wurde.

 

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Noch heute feiert Mischa Maisky jedes Jahr den Tag, an dem am 7. November 1972 mit der Ankunft am Wiener Hauptbahnhof sein „zweites Leben“ begann, wie er es nennt. Doch der Neuanfang war hart: Maisky hatte zwei Jahre lang keinen Ton auf dem Cello gespielt. Er hatte kein Examen in der Tasche (von den nötigen Prüfungen fehlten noch zwei, eine davon über „Wissenschaftlichen Kommunismus“), er konnte kein Wort Englisch und war im Westen gänzlich unbekannt. Von Wien aus reiste er weiter nach Israel, wo das neue Leben rasch Fahrt aufnahm: Er spielte dem spanischen Cellisten Pablo Casals vor, drei Monate vor dessen Tod. Er lernte den Dirigenten Zubin Mehta kennen, der ihm eine Stelle als Solocellist in seinem Orchester anbot, die Maiksy allerdings ablehnte, weil er weiter und mehr lernen wollte. Und er traf die argentinische Pianistin Martha Argerich, die für Jahrzehnte seine treue Kammermusikpartnerin bleiben sollte – bis heute. Vor allem aber studierte er noch einmal vier Monate bei Gregor Piatigorsky in Los Angeles. Maisky war sein letzter Schüler, Piatigorsky wusste bereits, dass er an Lungenkrebs sterben würde. Jeden Tag kam Maisky zum Unterricht, zum Schachspielen, zum Spazierengehen. Weil er sowohl bei Rostropowitsch als auch bei Piatigorsky gelernt hat, wurde er oft als einer der bestausgebildeten Cellisten bezeichnet. Mischa Maisky selbst nennt sich „Amateur-Cellist“, weil ihm beide Lehrer selten etwas Technisches beigebracht hätten. Beiden ging es vor allem darum, „Emotionalität zu finden, einen inneren Ausdruck, Bilder“, erinnert sich Maisky. Das fiel bei ihm auf fruchtbaren Boden! 1982 folgte dann der ganz große Durchbruch für den Cellisten: Die Deutsche Grammophon bot ihm an, gemeinsam mit Gidon Kremer, Leonard Bernstein und den Wiener Philharmonikern Brahms’ Doppelkonzert einzuspielen. Sozusagen ein Sechser im Lotto! Drei Jahre später wurde Maisky als erster Cellist überhaupt Exklusivkünstler bei der Deutschen Grammophon, wo er über 30 Aufnahmen eingespielt hat und in den 90er Jahren einer der meistverkauften Musiker war – mit Verkaufszahlen, von denen Künstler und Plattenfirmen heutzutage nur träumen. Damals, 1988, war Mischa Maisky übrigens auch zum ersten – und bislang einzigen – Mal in Göppingen zu Gast, damals mit dem Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden.

 

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Obwohl Mischa Maisky immer noch rund hundert Konzerte im Jahr spielt – seit über vierzig Jahren auf seinem millionenschweren Montagnana-Cello –, ist der Klassikstar mit der Silbermähne inzwischen in seinem „dritten Leben“ angekommen, in dem sich manche Pioritäten verschoben haben. Er fliegt jetzt auch mal auf den letzten Drücker zu Konzerten, weil er vorher noch beim Fußballspiel eines seiner beiden jüngsten Söhne (aus zweiter Ehe) dabei sein will. Er genießt es, mit seinen ältesten Kindern Lily und Sascha (aus erster Ehe) Konzerte zu spielen, die beide als professionelle Musiker in seine Fußstapfen getreten sind: Lily Maisky als Pianistin, Sascha als Geiger. Und noch immer liebt er es, die großen Cellokonzerte von Saint-Saëns, Dvořák, Elgar, Schumann … und Schostakowitsch zu spielen. Das ist sein Repertoire, das spielt er mit der ihm eigenen, einzigartigen Leidenschaft und emotionalen Freigiebigkeit, die immer wieder Kritiker auf den Plan gerufen hat, für die ihn das Publikum jedoch abgöttisch liebt! Kurz vor seinem 70. Geburtstag am 10. Januar 2018 und fast auf den Tag genau 45 Jahre nach dem Beginn seines „zweiten Lebens“ damals in Wien dürfen wir Mischa Maisky bei unseren Meisterkonzerten begrüßen – mit Schostakowitschs zweitem Cellokonzert, begleitet vom Musikkollegium Winterthur unter seinem Chefdirigenten Thomas Zehetmair. Eine große Chance, diesen großartigen in seinem Element zu erleben und seine enorme Lebensleistung zu würdigen.


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